Die Kunstsammlung der VAF-Stiftung
Ein Jahrhundert-Parcours der klassischen und zeitgenössischen italienischen Kunst der Moderne

Die Kunstsammlung der VAF-Stiftung, die satzungsgemäß ausschließlich Werke italienischer Künstlerinnen und Künstler beinhaltet, besticht durch ihr exzellentes qualitatives Niveau ebenso wie auch durch ihre eminent breitgefächerte quantitative und inhaltliche Dimension, die sich aus einem zahlenmäßig beeindruckenden und kunstgeschichtlich nahezu lückenlosen Spektrum diverser stilistischer Tendenzen der Moderne ergibt.

Dabei stehen Beispiele aus den Pionierzeiten der klassischen Moderne, die um 1900 beginnen, neben zahlreichen weiteren Manifestationen des künstlerischen Mitteilungswollens nebeneinander und bilden ein hochrangiges Panorama der revolutionären und innovativen Kunstbestrebungen in Italien im 20sten und 21sten Jahrhundert bis heute. Mit anderen Worten ausgedrückt heißt dies, dass in der Begegnung mit dem Kontinuum der Bestände der Sammlung der VAF-Stiftung, die insgesamt mehr als 1500 Inventarnummern umfassen, eine einzigartige Dokumentation von entscheidenden Positionen des neueren italienischen Kunstwollens in vielen Facetten erlebt werden kann, wobei dieser Parcours mit Spitzenwerken aus der frühen Geschichte der italienischen Moderne, die von etwa 1900 bis in die 40er Jahre des 20sten Jahrhunderts andauerte, beginnt, um sich dann in einer dichten Abfolge exorbitanter Schöpfungen des zeitgenössischen wie des aktuellen kreativen Ausdruckswolles von 1945 bis heute fortzusetzen. In Gattungskategorien ausgedrückt bedeutet dies schließlich zugleich, dass auch im Hinblick auf die diversen künstlerischen Mitteilungsmedien eine große Variationsbreite vorliegt, mit der nicht nur die traditionellen Disziplinen wie die Malerei, die Skulptur oder die Zeichnung erfasst sind, sondern insbesondere auch aktuelle Werkkategorien wie die Fotografie, die Videokunst, die Material-und Objektkunst, Installationen und Environments,  Performances und Aktionen sowie zunehmend auch der kreative Gebrauch neuer technischer und elektronischer Medien.

Aus dieser Darstellung der Gattungsvielfalt innerhalb der VAF-Sammlung ergibt sich folgerichtig auch im Hinblick auf die künstlerisch-ästhetischen Prämissen, auf die spezifische Motivwahl, auf die gedanklichen Maximen, auf die medialen Praktiken sowie auf die geistigen Intentionen des Ausdruckswollens ein weiteres Charakteristikum,  das beispielsweise darin besteht, dass in der Sammlung in Bezug auf die Malerei nicht nur naturalistisch angelegte, figurative Realisierungen bei den Erwerbungen berücksichtigt wurden, in denen die jeweiligen Motive in empirischer Genauigkeit abgebildet und fixiert sind, sondern dass gerade auf diesem, im 20sten Jahrhundert oft infrage gestellten Feld des künstlerischen Mitteilens, in dem unabhängig von den jeweiligen zeitlichen oder sonstigen intentionalen Bedingtheiten der künstlerischen Positionen am Wert des Tafelbildes festgehalten wurde, eine differente Vielfalt an Tendenzen und Konzepten in Werken der Sammlung zu entdecken sind. Vom Futurismus über die Pittura Metafisica und über das Novecento Italiano sowie weiter zum Realismus nach 1945, zur Nuova Figurazione und zu den Erprobungen von gänzlich neuen Methoden der Bildgenerierung bei jüngeren Malern reihen sich die Indizien für die kreative Weiterarbeit im Medium der Malerei. Daneben behaupten sich nicht minder auch solche künstlerischen Äußerungen, die sich den internationalen Bestrebungen der psychomotorisch expressiven, der informellen und freien malerischen Abstraktion ebenso verpflichtet fühlen, und parallel dazu jene Versuche, in denen man auf die ästhetischen, sinnlichen und dinglichen Qualitäten von trivialen Materialien aufmerksam wurde.

In geradezu antithetischem Widerspruch zu den eher subjektiv-emotional konnotierten Kunstäußerungen sind schließlich jene Werke zu verorten, in denen die rationalen Prinzipien einer absolut autonomen und konkreten Nonfiguration dominieren beziehungsweise die Axiome einer konstruktiven Geometrik bis hin zu einem radikal verfolgten und oft extremen  Minimalismus des gestalterischen Zeichenrepertoires. Die Forderungen nach einem absolut selbstreferentiellen Sein des Kunstwerks, die am Ende der fünfziger Jahre  im Umkreis der Zeitschrift „Azimuth“ laut wurden, sowie die  Konzeptkunst, die Pittura analitica und die weitergehenden Bestrebungen einer intersubjektiv bedingten Objektivierung von Werken der Kunst haben in diesem Kontext ihr theoretisches Bezugssystem.

Dass diese Differenzierung der Kunstäußerungen in figurative, in abstrahierende oder auch in konzeptionelle Methoden des Schaffens bis hin zu konkreten oder auch zu rein dinglichen Ergebnissen sowohl auf die Erscheinungsformen von malerischen als auch von skulpturalen oder objekthaften Werken zutreffen kann, das wird in den nachfolgenden Präsentationen der einzelnen Sammlungssektionen  noch anschaulicher erkennbar werden.

Darüber hinaus war und ist die Sammlungspolitik der VAF-Stiftung auch immer offen gegenüber den zahlreichen experimentellen ästhetischen, konzeptionellen und bildschöpferischen Neuerungen der Kunst, einschließlich der avancierten medialen bzw. multimedialen Grenzüberschreitungen, die innerhalb der jüngeren zeitgenössischen Kreativität zunehmend an Bedeutung gewinnen und sich in filmischen Produktionen, in Animationen, in Features sowie oft auch in dramaturgisch gestalteten Erzählhandlungen konkretisieren. Vielfältig sind auch Installationen, in denen mittels der Erzeugung von audiovisuellen Phänomenen faszinierende Erlebnisse vermittelt werden, wobei Computer, Kameras, Projektoren, auditive Elemente und Beleuchtungskörper vermehrt zum Einsatz kommen.  Die Beschäftigung und Auseinandersetzung mit psychischen, politischen, sozialen, ökologischen und humanen Problemen und die individuelle Schaffung von suggestiven Wahrnehmungssituationen nehmen gerade im künstlerischen Denken und Arbeiten der jungen Generationen einen breiten Raum ein. In diesem Sinne beinhaltet die Sammlung auch packende Manifestationen von Werkstrategien, in denen allein eine ingeniöse technische Erfindung ein visuelles Geschehen bzw. einen Wahrnehmungseffekt bestimmt,  aber sie bietet auch Resultate von gedanklichen Ansätzen, in denen das Publikum durch Kritik, Ironie, Satire und Verfremdung einen provokativen Anstoß erhält oder aber Bildwirkungen, in denen durch ästhetische Suggestionen, durch visuelle Faszination, durch intelligente Metaphern wie durch packende Imaginationen etc. der Betrachter sensorisch, emotional und reflexiv herausgefordert und berührt wird.

Sie stehen ganz selbstverständlich neben Arbeiten, die auf einem gänzlich anderen Denken basieren, wie zum Beispiel solchen, in denen sich auch in neueren Manifestationen ein auf Verdinglichung zielender Begriff des reinen selbstreferentiellen Kunstwerks erfüllen soll, oder solchen, in denen die Integration von banalen Realien sowie die Einbeziehung von Relikten, Zeichen und visuellen Phänomenen des Alltags in den Kunstkontext konstitutiv ist bzw. in denen die Zitierung von Codes  des  Medienbetriebs, des Entertainments  oder des Konsums für die Aussage bestimmend ist.

Grundsätzlich ist zum Credo der Kunstsammlung der VAF-Stiftung noch festzuhalten, dass sie mit ihren Beständen nicht allein einen sachlichen Parcours anbieten will, der sich in der Präsentation von visuellen Fakten und Daten erschöpft, sondern dass es weit eher darum geht, anhand der ästhetischen und semantischen Botschaften, die sich in Kunstwerken konzentrieren, ein Panorama dessen zu entfalten, was Künstler/Innen in ihrer Zeit als wesentliche Tatsachen wahrnehmen, und es soll gezeigt werden, was die Kreativen beschäftigt, was sie inspiriert, was sie sagen wollen, was sie zum künstlerischen Tun motiviert und mit welchen Mitteln sie dies realisieren. Es geht um die Bilanz des vielfältigen schöpferischen Reagierens von Künstlern/Innen auf das, was sie in ihrer Zeit, in ihrer Lebenswirklichkeit und in ihrer Weltsicht erfahren haben, es geht um die Antriebe und Ziele des künstlerischen Schaffens, des Denkens, des Empfindens wie des Mitteilens und um die jeweils individuelle Verarbeitung der Manifestationen des Zeitgeistes in Form von Werken der Kunst. Davon wird insbesondere der Blick der Verantwortlichen in der VAF-Stiftung auf die Kunstproduktion der unmittelbaren Gegenwart geleitet, die ständige Kommunikation mit jungen Künstlerinnen und Künstlern ist ein Prämisse der Arbeit des Vorstandes wie des Kuratoriums der VAF-Stiftung und mit regelmäßigen Erwerbungen von Werken der aktuellsten Kunstproduktion wird dabei darauf geachtet, dass die VAF-Stiftung mit ihrer Sammlung auch den Fortschritt der Kunstentwicklung dokumentiert.

Für alle diese hier allgemein angezeigten programmatischen Intentionen, gedanklichen Grundmotive, Themenstellungen und Bewegungsmomente des kunstgeschichtlichen Fortgangs in Italien sollen nun in der folgenden Auflistung in chronologischer Reihenfolge die inhaltlichen Klassifizierungen der Kunstentwicklung,  beginnend mit den ersten Jahren des 20sten Jahrhunderts, in Form von wissenschaftlichen Klassifizierungen, von bekannten Stilbezeichnungen und versehen mit Kurzerklärungen aufgeführt werden. Den einzelnen Positionen sind jeweils die Kunstwerke aus der Sammlung der VAF-Stiftung zugeordnet, die inhaltlich unter die jeweiligen stilistischen Charaktere zu subsumieren sind.

Zuletzt soll aber an dieser Stelle eine Antwort auf Einwände vorweggenommen werden, die von Seiten der Experten für die italienische Kunst der vergangenen 100 Jahre mit Gewissheit zu erwarten sind. Denn auffällig ist ohne Zweifel, dass in den hier notierten Registern der Namen und in den Nennungen der einzelnen Kunstinitiativen auch evidente Lücken festzustellen sind, wobei dies vor allem für die zweite Hälfte des 20sten Jahrhunderts gilt, wo ausgerechnet einige der renommiertesten Akteure des Kunstgeschehens sowie die global am stärksten beachteten Beiträge italienischer Künstler fehlen. Dass dies in bemerkenswerter Weise auch auf  Tendenzen zutrifft, die geradezu paradigmatisch für die künstlerische Identität Italiens stehen, wie die den „Spazialismo“, die „Arte povera“ und die „Transavanguardia“, ist ein Faktum, das im Hinblick auf das hohe kunstwissenschaftliche Anspruchsniveaus, das die Verantwortlichen in den Gremien der VAF-Stiftung für sich selbst reklamieren, unbestritten nach einer Erklärung verlangt. In der diesbezüglichen Begründung kann man sich von Seiten der VAF-Stiftung zunächst darauf berufen, dass in ihrer Sammlungspolitik, nachdem diese für die erste Hälfte des 20sten Jahrhunderts noch darauf bedacht war, den etablierten kunstgeschichtlichen Vorgaben in Bezug auf die markanten Positionen des Kunstgeschehens zu folgen, im Hinblick auf die Kunstentwicklungen nach 1945 ein Konzept des Sammelns wirksam wurde, das man als eine dezidiert nonkonformistische Strategie bezeichnen darf. Oder anders ausgedrückt, dass man sich hinsichtlich der Kunst nach 1945 im Kuratorium der Stiftung andere Präferenzen zu eigen machte, als jene,  welche den konventionellen Verabredungen zugrunde lagen, die sich in der Folge zu einem maßgeblichen Geschichtsbild verfestigten. Für die Akteure in der  VAF-Stiftung galt und gilt die Auffassung, dass es verdienstvoller sei, solche künstlerischen Beiträge als Sammlungsgegenstände zu bevorzugen, die in der offiziellen italienischen Kunstgeschichtschronik eher ausgegrenzt werden. Im erklärten Widerspruch zu den kanonischen Deutungen des Kunstbetriebs durch die etablierte Kritik entschied man sich bewusst dafür, solche verdrängten, vergessenen oder unterbewerteten Positionen und Namen aufzuspüren und ins Bewusstsein zurückzuholen, die ungeachtet ihrer höchst qualifizierten Ansätze im kodifizierten Gang der zeitgenössischen Kunstgeschichte Italiens meist keine Erwähnung finden. Die eigenwillige Profilierung, welche die VAF-Stiftung mit diesem ihrem Sammlungskonzept anstrebt, lag nicht zuletzt dann auch der Gedanke zugrunde, dass man mit den Beispielen aus den Stiftungsbeständen eine alternative Akzentuierung innerhalb des Geschichtsbildes zur Diskussion stellen könnte. Keineswegs wird damit der Vorschlag eingebracht, eine Korrektur der neueren italienischen Kunstgeschichte vorzunehmen, weit eher würde man es schon als einen Erfolg betrachten, wenn einige der Aspekte, welche durch das spezielle Profil der VAF-Sammlung angeregt werden, auch einen Einfluss auf den Diskurs und auf die Auswahlprinzipien in den offiziellen Lehrmeinungen gewinnen könnten.
Diese Bestände der Kunstsammlung der VAF-Stiftung befinden sich als Dauerleihgaben im Museo di Arte Moderne e Contemporanea di Trento e Rovereto. [Klaus Wolbert]

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Sammlungsbestände der VAF-Stiftung

Die folgenden stilistischen bzw. kunstprogrammatischen Klassifizierungen und kategorialen  Gliederungen lassen sich aus den Beständen Kunstsammlung der VAF-Stiftung herstellen. Die Nummer, die nach den Künstlernamen angegeben ist, bezeichnet die Inventarnummer des jeweiligen Werks in der VAF-Sammlung.